Ruhig. Unauffällig. Ohne besondere Anzeichen. So wurde der 17-jährige beschrieben. Und trotzdem beging Tim Kretschmer das schockierende Massaker. Die Medien berichteten rund um die Uhr über den Massenmord in Winnenden, zahlreiche Programmänderungen wurden zugunsten von Sondersendungen durchgeführt. Kaum ein paar Minuten, bei denen nicht über den Amoklauf in Winnenden gesprochen wird.
Und dennoch bleiben viele Missstände unausgesprochen. In diesem zugegeben provokant titulierten Artikel möchte ich analysieren, was mit der Gesellschaft nicht stimmt. Ohne Verschweigungen aus Angst vor Kritik. Und ich meine nicht nur die unmittelbare Tat des Jugendlichen.
Gegen 9 Uhr 30 betritt Tim in einem schwarzen Kampfanzug und schwer bewaffnet seine ehemalige Realschule, die er schon vor zwei Jahren hätte hinter sich lassen sollen. Trotzdem scheint sie ihn weiter zu verfolgen, denn er kehrt noch ein letztes Mal zurück, um sich endgültig von seiner Vergangenheit loszueisen. Und von seiner Zukunft. Auf blutige Weise. In der Schule erschießt er mit einer aus dem Hause entwendeten Schusswaffe neun Schüler und drei Lehrerinnen. Auf seiner Flucht tötet er drei Passanten und schließlich auch sich selbst.
Traurige Bilanz: 16 Tote, zahlreiche körperlich Verletzte, psychisch Verletzte.
Das wäre soweit die grobe Zusammenfassung des Blutbads, die uns am Vormittag des Mittwochs, dem 11. März vermittelt worden sind. Eine entsetzliche Tat, keine Frage. Doch ebenfalls entsetzlich finde ich die Reaktionen und damit sind nicht nur die Medien gemeint. Im folgenden werde ich erläutern, wieso ich den Amoklauf als erschütterndsten Bestandteil eines Kollektivversagens ansehe.
Computerspiele wichtiger?
Scheinbar haben einige Leute vollkommen den Blick fürs Wesentliche im Leben verloren. Nämlich das Leben selbst. Eine beschränkte Weitsicht wäre zwar nichts Neues, doch die Reaktionen einiger finde ich wirklich beschämend. Sofort nach der Berichterstattung liefen die Webseiten heiß, jeder gab seine Meinung ab.
Doch mit Kopfschütteln musste ich feststellen, dass einige der nach philosophischer Definition “vernunftbegabten Wesen” nach den ersten Berichten keinesfalls ihr Entsetzen und ihre Bestürzung oder meinetwegen auch Unmut oder Wut zum Ausdruck brachten, sondern nichts Besseres zu tun hatten und zuweilen auch haben, als an ihre – in solch einem Moment völlig unbedeutend erscheinenden – Videospiele zu denken. Und das sage ich als Gamer. Es kann nicht sein, dass der erste Gedanke “Hauptsache, meine Computerspiele werden nicht verboten, die Opfer sind völlig egal” lautet und legitime Gegenstimmen auch noch auf Abweisung durch andere User stoßen. Doch nicht genug, amüsieren kann man sich über das Blutbad schließlich auch noch, so wird zum Beispiel die alte, zu dieser Zeit völlig unangebrachte Leier mit dem “Verbietet Brot” wieder hervorgeholt.
Als Beispiel möchte ich das Web von Klopfer, einem humoristischen Internetautor, von dem ich normalerweise ein großer Fan und Fürsprecher bin. Aber sein den Amoklauf thematisierenden Eintrag samt den ersten Kommentaren finde ich absolut daneben und ernorm geschmackslos. Das Blutbad wird wie ein lustiges Ereignis behandelt. Ich bin einfach mal so frei, ein wenig zu zitieren:
Aus Klopfers “Massenmord an einer Realschule in Baden-Württemberg” zitiert.
Anfang von Klopfers Eintrag:
Was glaubt ihr, welchem Computer- oder Videospiel diesmal die Schuld zugeschoben wird?
Bisher waren Tetris und Pac-Man immer im Hintergrund, vielleicht schaffen sie es diesmal ja nach vorne. Ganz ausschließen möchte ich aber auch Die Sims 2 und Dr. Kawashimas Gehirnjogging nicht (auch diese Spiele können frustrieren). Favoriten werden natürlich wieder der alte Champion Counterstrike sowie das Schwergewicht GTA IV sein – aber können sie ihre Form halten? Spannend! *_*
Ich weiß, dass du das zynisch meinst, Klopfer, aber es gibt eine Grenze des guten Geschmacks, an die sich gerade ein Vorbild wie du halten solltest. Und mit solchen Formulierungen wenige Minuten (!) nach dem Bekanntwerden des Massakers hast du diese eindeutig überschritten. Bei allem Respekt, dafür musst du dir schon zurecht Kritik gefallen lassen.
In einem späteren Edit:
EDIT 9: Ja, ja es ist soweit! Bei N24 spricht endlich jemand über Gewaltvideos und Killerspiele! [victory-smily] Es ist 14 Uhr, und wir sind endlich beim Kernthema!
Das ist meiner Ansicht nach eindeutig zu unangebracht, um ernst gemeint zu sein, aber du solltest dir über deinen Einfluss auf die Meinung deiner Leser im Klaren sein, Klopfer.
In den Kommentaren folgen dann noch weitere Kopfschütteln hervorrufende Aussagen, die ihr lieber selber nachlesen solltet, da mir die Auswahl an geistigen Tiefflugeinlagen viel zu groß erscheint.
Schließlich äußert Magnus als erster Leser legitime Kritik, wenn auch zugegeben in einem sehr emotionalen Ton:
Menschen sterben, und das wirklich Erste, woran du denkst, ist dein dummes kleines Hobby, dass du so oder so ungestört ausüben kannst, weil du volljährig und Kunde von speziellen Online-Shops bist.
Auch wenn das hier keiner zu wissen scheint: Zynismus ist keine Tugend.
Nachdem dieser Leser auf ernormen Gegenspruch stieß, führt er zusätzlich an:
[Zitate von Klopfer] “Winnenden und Emsdetten sind relativ kleine Städte. Erfurt ist eine Großstadt, aber bisher steht’s 2:1 für die Kleinstädte.”
“Ja, die Amis lassen nach. In Alabama waren es zehn Tote.” [Ende der Zitate von Klopfer]Wird Töten hier nicht zynisch zum Wettbewerb gemacht?
Der Leser sigurd bringt diesen gesellschaftlichen Misstand dann in einer Antwort auf Magnus endültig auf den Punkt:
Jup, kann dir da nur zustimmen.
Mir scheints, als wenn sich hier einige Leute, die wohl ein armseliges Leben führen müssen, am Leid anderer aufgeilen. Wiederlich.
Genau das ist mein Standpunkt diesbezüglich. So gut wie alle Internetuser regen sich über den blinden und gewollt populistischen Aktionismus der Politiker auf, einfach “Killerspiele” für Amokläufe verantwortlich zu machen, aber solche Leute, die meinen, sich über das Massaker lustig machen und Menschenleben Videospielen unterordnen zu müssen, sind keinen Deut besser. Ich finde so ein Verhalten zum Kotzen. Hoffen wir, dass es bei seltenen Aussetzern bleibt.
Klar muss man nicht unbedingt Anteilnahme zeigen, wenn es einen räumlich gesehen in keinster Weise betrifft, aber statt Besserungsvorschläge so destruktive und geschmacklose Kommentare abzugeben, ist völlig überflüssig und beschämend.
Toleranz ist gegenseitig
Generell sollte die Spielerschicht sich auch mal selbst hinterfragen und die Sache aus anderen Perspektiven betrachten. Was für ein Bild bekommt ein Außenstehender von unserem Hobby vermittelt? Darf man sich ernsthaft darüber wundern, dass das virtuelle Erschießen zur Unterhaltung auf Skepsis stößt? Und auch, wenn mir die Bezeichung “Killerspiele” auf den Senkel geht, was tun wir denn in Spielen wie Call of Duty oder Killzone? Wir “killen” und zwar in Reinkultur. Wir schießen auf alles, was uns vors Visier läuft und haben auch noch jede Menge Spaß dabei. Fast jedes Spiel enthält in irgendeinerweise Gewalt. Keiner wird leugnen können, dass in fast jedem Spiel die Faktoren “Ballern” und “Kämpfen” im Vordergrund stehen.
Es kann nicht nur dabei bleiben, Toleranz von ARD und Konsorten zu fordern, auch wir müssen Nichtzocker tolerieren, statt sie schlichtweg für dumm zu erklären. Was spielen wir? Wieso spielen wir das? Ein Dialog ist vonnöten, es muss Austausch über die Thematik “Gaming” stattfinden.
“Killerspiele” als Deckmantel
Klar ist, dass “Gewaltspiele”, “Killerspiele”, “Ego-Shooter” oder wie auch immer man sie bezeichnen mag, nicht die Ursache für Gewaltausbrüche sind. Niemand wird aggressiv oder läuft gar Amok, weil er ein paar Runden Counterstrike gespielt hat. Es sind nicht die Spiele, die Robert, Sebastian oder Tim zum Amokläufer machten, nein, sie haben einfach gut zu ihren gewaltsamen Interessen gepasst. Aber zu leugnen, dass diese das schon vorhandene Gewaltpotenzial in keinster Weise fordern würden, ist völlig fadenscheinig.
Die Medien haben durchaus einen Einfluss auf die Jugend, seien es die schon angesprochenen Spiele, TV oder vor allem auch das Internet, die die Hemmschwelle gegenüber Gewalt deutlich herabsetzen können. Und da müssen durchaus strengere Kontrollen im privaten Bereich stattfinden, anstatt wie einige Politiker alles auf die USK abzuwälzen. Festgesetzt hat sich in jedem Fall das Gefühl, dass Ego-Shooter nur dem blinden Aktionismus dienen. Ich zitiere: “Verbote kosten nichts”.
Das reflexartige Greifen nach der einfachsten “Lösung” muss ein Ende haben.
Schaut hin! Die Ignoranz der Gesellschaft
Vor allem meine ich damit die Eltern, die in keinster Weise bereit sind, sich auch nur ein bisschen mit den Hobbies ihrer Kinder auseinanderzusetzen und sich in völliger Ignoranz üben. Viele Eltern starten nicht einmal den Versuch, ein wenig mit ihren Kindern ins Gespräch über ihre Hobbies zu kommen oder einfach mal selber bei einem Spiel einzusteigen, um ein ungefähres Bild der Freizeitbeschäftigung ihrer Sprösslinge zu bekommen. Stattdessen werden die Kinder sich selbst überlassen. Psychische Veränderungen, geschweige denn Labilität, werden gar nicht wahrgenommen, wollen vielleicht auch gar nicht wahrgenommen werden.
Doch nicht nur die Eltern müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Der gesamten Gesellschaft schreibe ich eine Mitschuld an den Amokläufen zu. Wir haben eine “soziale” Struktur, in der die Schwachen ausgegrenzt, verstoßen werden und auf der Strecke bleiben.
Tim war so ein Fall. Die Aussagen über seine Person waren mehr als deutlich. Wer war er eigentlich? Die Antworten lauteten häufig, dass er ruhig und unauäfflig gewesen sei und sie ansonsten nichts über ihn wüssten, doch offensichtlich waren die Interviewten einer Meinung: Er war ein Niemand.
Unwichtig, keiner Beachtung würdig. Und genau das ist ein grundlegendes Problem in unserer Gesellschaft. Keiner schaut mehr hin, die Nächstenliebe ist längst nur noch ein Märchen längst vergangener Zeiten. Jeder ist sich selbst der Nächste, Egoismus ist und wird die prägende Eigenschaft des Menschen sein.
Damit will ich aber nicht sagen, dass Tim eigentlich ein ganz feiner, aber missverstandener und fehlgeleiteter Junge gewesen sei. Nein, er war ein grausamer Mörder, ein Menschenhasser. Aber das kann nicht immer der Fall gewesen sein, sondern der Tiefpunkt einer langen Entwicklung.
Konfuzius nach ist kein Mensch bei der Geburt schon böse. Nein, unsere Erfahrungen machen uns zu dem, was wir sind. Bei Tim bestanden diese aus Wut, Hass, Verzweiflung. Diese Gefühle stauten sich an und führten zu diesem grausamen Ausbruch. Die Tat wäre zu verhindern gewesen, wenn auch nur eine Person sich ernsthaft für Tims Verfassung interessiert hätte, hingeschaut hätte. Manchmal ist der Grat zwischen Opfer und Täter sehr schmal, Tim hat sich letztlich dazu entschlossen, Letzteres zu sein.
Ich will seine Tat natürlich in keinster Weise rechtfertigen, aber man muss die Hintergründe untersuchen, um so etwas in Zukunft zu verhindern.
Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass bei der jetztigen Entwicklung Depression bald die Volkskrankheit Nr.1 wird. Das sehe ich nicht anders. In der kapitalistischen Zeit, in der der Leistungsdruck stetig wächst, in der Menschen, die anders sind, nicht mehr akzeptiert werden, werden die psychischen Erkrankungen sich immer weiter verbreiten. Laut EU-Kommission gab es 2005 in den Mitgliedsstaaten mehr Suizidtote (58.000) als Vekehrstote (50.700). Bedenkt man noch, dass nur jeder 10-ter bis 20-ter Selbstmordversuch auch tatsächlich gelingt und noch eine ernorme Dunkelziffer dazukommt, womit ich zum Beispiele Fälle meine, bei denen es unklar ist, ob es denn Unfall oder Selbstmord war, so wirkt diese Zahl noch deutlich erschreckender.
Viele Politiker reden darüber, wie man denn die Anzahl an Verkehrstoten in Deutschland reduzieren könnte, aber so gut wie niemand verliert ein Wort darüber, wie man denn die Anzahl an Suiziden vermindern könnte. Dabei gibt es mehr als doppelt so viele Suizidtote wie Verkehrsopfer in Deutschland (2007: 11.000 – 12.000 Suizidtote gegeüber 4.949 Vekehrstote). Mit Ignoranz ist keinem geholfen, den gesellschaftlichen Problemen muss ins Auge gesehen werden.
Auch Tim hatte im Grunde mit seinem Leben abgeschlossen, aber noch beschlossen, diejenigen, die er für sein Leiden veranwortlich machte, mit in den Tod zu ziehen.
Eltern ohne Schuld?
Ernorm ignorant finde ich es ebenfalls, den Eltern keinerlei Verantwortung für die Tat von Tim zuzuschreiben. Wie es nun heißt, soll der Täter Counterstrike und Far Cry 2 gespielt haben. Das mag auf den ersten Blick ziemlich gewöhnlich erscheinen, aber nichtsdestotrotz darf man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass diese Titel ab 18 sind. Somit haben die Eltern die Aufsichtspflicht verletzt, denn Tim war bekanntlich nicht volljährig. Leider ist es heuzutage normal geworden, sich nicht mehr um die Hobbies des Sprösslings zu scheren, womit wir wieder bei der Ignoranz der Gesellschaft wären.
Dass mit der Aufsichtspflicht viel zu locker hantiert wird, ist leider eine Häufigkeit in der Gesellschaft. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass der Vater seinem Sohn Tim förmlich die Waffe von Kindesbeinen an in die Hand gedrückt hat. Was ist das für eine Erziehung, dem Kind von Anfang an eine Verbindung mit Waffen aufzubauen?
Die Greifbarkeit einer Waffe und ein gleichzeitiger Menschenhass verführen geradzu zu so einer Tat. Ich wage zu behaupten, dass von Menschen ohne Waffen niemals eine Gefahr ausgeht. Sobald jemand aber in den Besitz einer Waffe gelangt, sei es durch das kriminell bedingte Umfunktionieren von Hirn und Fäuste oder das Erlangen einer Schusswaffe, dann ist erst ein Gefahrenpotential gegeben.
Sicher, wer ernsthat eine Waffe möchte, hat heuzutage leider die Möglichkeit, sich auf dem Schwarzmarkt zu bedienen und Tim hätte über Umwege bestimmt auch so an eine Waffe gelangen können. Trotzdem hätte so etwas die entscheidene Hemmschwelle darstellen können, die womöglich vielen Menschen das Leben erhalten hätte. Es ist ein großer Unterschied dazwischen, ob ich 17 Schusswaffen im Haus habe, mit deren Umgang auch noch geübt bin oder ob ich noch nie eine Pistole in der Hand gehabt habe.
Beim Fall Winnenden darf man nicht die Überlegung auslassen, welche Gedankengänge wohl vor der Tat stattfanden. Hat der unmittelbare Umgang und die Waffennarrheit Tim erst zum Amoklauf verleitet oder ist bei ihm der Entschluss schon vorher gefallen und er hat dann erst entdeckt, dass er ja rein zufällig einige Knarren in Reichweite hatte? Es war wohl eher Ersteres der Fall.
In meinen Augen haben die Eltern vollkommen versagt.
Schluss mit Selbstbeweihräucherung – die Polizei
Damit hätte ich zu meinen Ansichten zu den Ursachen der Tat Stellung bezogen. Doch nicht nur vor der Tat gab es ernormes Versagen, auch bei den Gegenmaßnahmen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Massaker in Winnenden wurde in den Medien jede Menge Kritik verschwiegen.
In erster Linie meine ich damit natürlich die Polizei, die sich trotz ernorm ungründlicher Arbeit mal wieder selbstbeweihräuchert und aus dem öffentlichen “Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen”, welche vor allem auf medienwirksamen Pressekonferenzen vorgetragen wird, gar nicht mehr herauskommt. Sie hätten ja so schnell gehandelt, so viele Tote vermieden und den Täter ja höchst erfolgreich ausgeschaltet.
Nun gut, bei der schnellen Reaktionszeit habe ich nichts zu kritisieren, das Erreichen der Schule in wenigen Minuten ist höchst respektabel und nicht viel besser möglich. Allerdings sollte da auch schon die Lobhudelei aufhören. Laut Polizeiaussagen von der PK wurde der Täter sogar im Schulgebäude begegnet, aber man ließ ihn ziehen und sogar durch den Hinterausgang (!) flüchten. Das Naheliegendste für die Polizei wäre meiner Meinung nach gewesen, das Schulgebäude umgehend abzuriegeln und den Amokäufer zu umzingeln, aber offensichtlich ist das nicht in den Sinn gekommen. Und keiner kann mir erzählen, dass eine Flucht aus dem Hinterausgang nicht vorauszuahnen gewesen wäre.
Statt diesen Fehler zuzugeben, loben die oberen der Polizei und des Ministeriums sogar noch das Vorgehen. Das höchst ausklügelte Anti-Amok-Training habe Erfolg gezeigt. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass der Täter weder in der Schule gestellt noch im unmittelbaren Bereich festgesetzt wurde. Und das eine Kilomter lange Fluchtfahrt samt drei toten Passanten mit zum Kalkül gehörten, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Wie schon bekannt durfte sich Tim teilweise zu Fuß 40 Kilometer weit und drei Stunden lang (!) absetzen, bis man ihn schließlich eingeholt hatte. Bedenkt man noch die Tatsachen, dass Tim von der Statur her offensichtlich wohl nicht der Sportlichste war und auch noch große Mengen an Munition bei sich trug, wovon er unterwegs immer mal wieder welche abfeuerte und die Polizei auch noch eine Anzahl an Beamten im vierstelligen Bereich sowie Hilfsmitteln wie Helikopter im Einsatz hatte, so muss ich schon wirklich den Umstand der Sondersituation in Betracht ziehen, um der SEK nicht einen gewissen Peinlichkeitsfaktor zu unterstellen.
Denn diesen haben sie spätetens nach dem letzten Schusswechsel erreicht. Offensichtlich wurden dem Täter bewusst in die Beine geschossen, um ihn auszuschalten, wogegen ich grundsätzlich auch nichts einzuwenden habe, auch wenn ich mich doch fragen muss, ob ein rigoroseres Vorgehen bei so einer akuten Gefahr nicht angebrachter gewesen wäre. Dass man dann aber nicht einmal in der Lage ist, zu erkennen, dass er sich selbst gerichtet hat und nicht von der Polizei erschossen worden ist, erscheint mir unerklärlich. Dürfte die Pistole an der Schläfe nicht Indiz genug sein? Stattdessen wurde erklärt, die Polizei habe ihn erfolgreich erledigt, um später die Meldung wiederholt zu korrigieren.
Die Krone auf das ganze setzte aber die schwere Fehlmeldung. Sicherlich weiß jeder, was ich damit meine, nämlich den mutmaßlichen “Abschieds-Chat” des Täters. Der erste Fehler begann schon damit, die Öffenlichkeit glauben zu lassen, man habe das Protokoll auf dem Computer von Tim gefunden, um noch künstlich die eigene Glaubwürdigkeit medienwirksam zu unterstreichen. Wie wir nun wissen, wurde auf dem PC so gut gar nichts Erkenntnisreiches gefunden. Wesentlich schwerwiegender ist die ungründliche Arbeit der Polizei.
Das Reinfallen auf so eine offensichtliche Fälschung ist kaum zu erklären, jeder, der sich auch nur ein bisschen mit den dubiosen Boards im Internet auskennt, wozu man die Polizei eigentlich zählen sollte, der weiß um den Wahrheitsgehalt der “chan”-Seiten. Dass man sich jetzt auch noch an dem letzten Strohhalm festklammert, wonach die Hoffnung bestünde, dass es diesen Chat rein zufällig doch so gegeben haben könnte, macht die ganze Sache noch viel peinlicher. Dabei hätten sie zum Beispiel nur kurz bei der Internetabteilung der BKA (die ja ziemlich groß sein soll…) nach Krautchan fragen müssen und sogar jemand wie ich hätte ihnen sofort bescheid sagen können. Dieser Vorfall zeugt von einer unprofessionellen Arbeit.
Einen ausführlichen und informativen Bericht über die Krautchan-Fälschung findet ihr übrigens beim Kollegen Melonpan auf Meidocafe, der noch mal genau das Versagen veranschaulicht (erwartet aber besser keine geballte Objektivität).
Ebenso unprofessionell finde ich die mediale Darstellung von Seiten der Polizei außerhalb der PK. Wenn ich schon sehe, wie die Polizisten, die die Wohnung sichern, sich der Kamera zuwenden und hineingrinsen, dann würde mir das Grinsen vergehen, wenn ich vorher eines im Gesicht gehabt hätte. Auch werde ich das Gefühl nicht los, dass die Polizei sich selbst glorifizierend für die Kamera posiert. Oder wie ist sonst zu erklären, dass einige Polizisten bei der Versorgung im Bereich der Schule lange nach dem Amoklauf noch mit großkalibrigen Schusswaffen herumlaufen? Fehlt nur noch, dass sie bald anfangen, in die Kamera zu winken.
Die Medien…
Nun, über die Medien wurde sich sicherlich schon genug ausgelassen, weshalb ich wohl gar nicht mehr so auf das Thema eingehe. Fest steht, dass es zahlreiche Falschmeldungen zu verzeichnen gibt, die Bild mal wieder zur propagandistischen Hochform aufläuft und teilweise wieder so reißerisch nach “Killerspielen” gehetzt wird, dass die Berichte jedem Hassprediger die Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätten.
Im Abschnitt “Toleranz ist gegenseitig” habe ich mich ja schon für eine differenzierte Betrachtungsweise zu diesem Thema ausgesprochen, aber dass einige Sender meinen, 12-jährige als “Experten” zu entsprechenden Spielen befragen zu müssen, ist schon höchst fragwürdig. Was ist denn außer unartikuliertes Gebrabbel wie “Töten macht Spaß” zu erwarten?
Insgesamt muss ich aber sagen, dass sich die Medien wesentlich konstruktiver als beim letzten Mal verhalten. Einige Fernsehsender haben mich positiv überrascht und immer wieder Fachleute mit interessanten Erläuterungen und Vorschlägen herangezogen.
Sogar das von WDR produzierte “Hart aber fair”, welche vor einiger Zeit wegen einer sehr einseitigen Diskussion über “Killerspiele” stark in die Kritik geraten ist, bot eine ausgeglichene Diskussionsrunde, bei der über weite Strecken eine lobenswerte Neutralität zu erkennen war. Einige negative Auffälligkeiten gibt es auch (ich meine damit Bosbach), trotzdem ist die Sendung auf jeden Fall sehenswert. In (fast) voller Länge zur Gemüte führen kann man sich die Sendung hier, einige Einspieler (die allerdings ziemlich manipulativ sind…) sind allerdigns nicht enthalten. Deshalb hier einige Ausschnitte:
Blinder Aktionismus der Politiker
Die oberen beiden Videos sind meiner Meinung nach gute Beispiele. Wie Westhold schon anmerkte, hoffen die Politiker ja geradezu, dass der Amokläufer Kontakt mit “Killerspielen” hatte, damit diese als “Schuldige” herhalten könnten. Ein wenig erläutert habe ich das ja schon im Abschnitt “Killerspiele als Deckmantel”. Auch ansonsten dürfte klar sein, dass die Politiker händeringend nach irgendetwas suchen, dessen Einschränkung sie selbst nicht beeinträchtigen würde. Ich halte es zwar für richtig, dass “Killerspiele” durchaus ein Faktor sein kann, aber wie der Schüler bei “Hart aber Fair” schon anmerkte: Es ist “nur ein Tropfen auf dem heißen Stein”.
Die wahren Wurzeln liegen woanders. Es geht mir in erster Linie gar nicht um den Erhalt der Spiele an sich. Wenn “Killerspiele” wirklich der Grund für Amokläufe wären, dann hätte ich gegen ein Verbot absolut nichts einzuwenden, sondern würde dies sogar noch befürworten. Ja, wenn sie das denn wären.
Wie schon ganz richtig angemerkt worden ist, kann es nicht sein, dass bei einem übergelaufenen Fass nur der letzte Tropfen Beachtung findet, nein, man muss erkennen, warum das Fass sich überhaupt erst mit Wut und Hass füllen konnte. Soziale Probleme, Ausgrenzungen, Mobbing, Stress in der Schule, das sind Faktoren, die nicht übersehen und ignoriert werden dürfen. Heuzutage wird man allein aufgrund der Herkunft, aufgrund des Status schon verstoßen. Eine Tatsache, die oftmals verharmlost wird.
Ein Verbot der “Killerspiele” wäre nichts weiter als ein Deckmantel, dass den Wählern den Eindruck vermitteln soll, das man etwas getan habe. Abgesehen davon haben wir bereits festgestellt, dass sich die Legalität in diesem Sektor ohnehin bereits im Grenzen hält und die Verbreitung wohl nur minimal eingeschränkt werden dürfte.
Die Debatte um ein “Killerspiele-Verbot” ist nicht der einzige unbedachte Zug der Politik. Der Vorschlag über den Einsatz von Metalldetektoren oder sonstigen Sicherungen an Schulen stößt bei mir auf Unverständnis. Sollte jemand wirklich einen Amoklauf begehen wollen, würde er erst mal die Sicherheitsleute erschießen und dann seine Tat wie geplant ausüben. Und Schulen in militärisch gesicherte Festungen zu verwandeln, kann nun wirklich nicht der Intention entsprechen.
Erschreckend, dass den Politikern nicht mal im Entferntesten in den Sinn kommt, mal die ganze Struktur zu hinterfragen. Was ist zum Beispiel los an unseren Schulen? An vielen Schulen sind Gewalt, Unterdrückung und Mobbing an der Tagesordnung. Die Lehrer müssen aufhören, so etwas zu dulden und sich einen, sorry für die Kraftausdrücke, scheiß Dreck um die Schüler zu scheren. Wenn ein Lehrer schon – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – nur am seinen Gehalt interessiert ist und unsere Personen ihm völlig egal sind, dann mag das zwar der Wahrheit entsprechen, aber höchst fragwürdig bezüglich der moralischen Einstellung unseres Lehrpersonals sein.
Ob Schulpsychologen die richtige Lösung sind, sei mal dahingestellt, denn wie schon angemerkt wurde, sind diese oft fremde Personen, die entsprechende Schüler nur wenig bis gar nicht kennen und somit wohl nur in den seltensten Fällen helfen können. Tatsache ist aber, dass die Lehrer endlich mal anfangen sollten, eine pädagogische Funktion auch zu erfüllen und bei ihren Schülern genau hinzuschauen.
Dementsprechend ist die Auflösung der Klassenverbände zugunsten des Kurssystems in der Oberstufe, wie sie bei uns stattgefunden hat, absolut die falsche Richtung. Jeder geht nun seinen eigenen Weg. Wie sollen Verbindungen aufgebaut werden, wie sollen unscheinbare Schüler noch Beachtung finden?
Es muss mehr schulische Unternehmungen in Sachen wie “Konfliktbewältigung” geben. Doch auch die Schüler können etwas tun. Das Mobbing muss ein Ende haben. Schaut nicht weg, wenn ihr so etwas beobachtet und schließt euch vor allem nicht aus Angst vor den Mobbern diesen an.
Nachtrag – Versagen über Versagen
Nun überschlagen sich die Medien mit Falschmeldungen. Erst gab es ein langes Hin-und-her über die Todesursache, dann den schweren und peinlichen Fehler mit dem “Chat” und jetzt gibt es auch noch gravierende Widersprüche bezüglich der psychiatrischen Behandlung von Tim.
Macht eigentlich überhaupt wer seine Arbeit?
Erschreckend, mit welcher “gründlichen Präzision” Medien, Polizei und Politik agieren.
Schlusswort
Festzuhalten bleibt, dass die grundlegende Stuktur unserer Gesellschaft überdacht werden muss. Ich bin weder Politiker noch Psychologe, sondern nur ein Schüler, aber ich erkenne, dass man die Augen nicht vor den Problemen verschließen darf. Mit einer ignoranten und einseitigen Schuldsuche im Bereich der “Killerspiele” ist niemandem geholfen.
An dieser Stelle möchte ich den Angehörigen der Opfer noch mein tiefstes Beileid aussprechen.
Nun mag vielleicht jemand sagen: Der Gintoki hat gut reden, holt im Web zum Rundumschlag aus.
Stimmt. Aber ich bleibe bei meiner Aussage: Jeder kann etwas zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Schaut nicht weg.
Skepsis nennst du das? Das was insbesondere Politiker dem entgegenbringen ist keine Skepsis, das ist einfach lächerlich. Toleranz schön und gut, aber wer keine Ahnung von bestimmten Dingen hat, sollte den Mund nicht zu weit aufreißen. Klappt bei den Politikern und sog. Experten nur höchst selten. Die reden von Dingen, die selbst nicht mal angerührt haben. Dort hilft kein Dialog, dort hilft es nur, wenn diejenigen sich wirklich damit beschäftigen, ansonsten sitzen diese Leute auf ihrer Meinung und bringen diese “paar” Täter als Beweis, dass sie recht hätten.
Auch das lustige Propagandawort “Killerspiel” ist doch Beweis dafür, dass die einfach nicht wissen, was die da von sich geben. Das Wort soll dem nichtswissenden Bürger einhämmern, dass diese Spiele schuld sind, dass diese Spiele Grund und nicht einer von vielen Faktoren sind, dass diese Spiele eben nur das blanke Töten, den schonungslosen Mord als Inhalt hätten.
Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich über das Thema diskutieren durfte… Sowohl über die Thematik an sich, als auch über das Propagandawort.
Wenn man sich über das Thema auslassen will, kommt man nicht drumrum, sich damit richtig auseinander zu setzen. Da bringt auch der intelligente Spruch von dem [Name einsetzen] bei hart aber fair nichts “Muss ich Baum im Regenwald sein, um mich für seine Rettung einzusetzen”, wenn man vorher noch ausgesagt hat, dass der Vergleich zwischen Filmen und Games hinkt.
CS ab 18? Das, was der Großteil davon zockt, ist ab 16 (USK)
Prinzipiell ist Tim außer Täter auch ein Opfer. Wie sonst solle man jemanden bezeichnen, der durch die ganzen Einflüsse eigentlich erst zu sowas getrieben wird?
Was sich Klopfer da geleistet hat, war sicher nicht die feinste Art, aber es geht jeder anders mit solchen Meldungen rum. Da du bei mir ja einen Comment hinterlassen hast, gehe ich mal davon aus, dass du weißt, wie ich die Sache so sehe. Man ist durch die ganze Sensationsberichterstattung heutzutage einfach abgehärtet, was solche Meldungen angeht. Man sieht ständig Leichen im TV, man sieht Kriege durch ein flackerndes Gerät, das im Raum steht.
Dass der ein oder andere dann mit Humor an die Sache rangeht, ist gar nicht so verwunderlich, genauso wenig verwunderlich, wie die Ablehnung solchen Humors.
Aber wie ja bei mir auch schon geschrieben, ist es extrem “nervig”, dass diese Sache so gehyped wird. Was stellt man sich im eigenen Land eigentlich immer über die Menschen der anderen Länder? Der Amoklauf von Alabama ging in den Nachrichten völlig unter. Die Menschen, die täglich verrecken und durch das gerettet werden könnten, was wir wegschmeißen, werden schonungslos ignoriert, solange dort keine Sensation zu wittern ist. Und ja, ich finde es wesentlich schlimmer, wenn Leute an dreckigem Wasser verrecken, wenn sie verhungern, während Läden bei uns fast abgelaufene Lebensmittel entsorgen als wenn jemand durch eine Schule rennt und im Vergleich wenige Menschen in den Tod reißt. Ersteres könnte man verhindern, letzteres ist eigentlich nicht zu verhindern. Kümmert das aber wen? Nein.
Kranke Gesellschaft.
Aber dennoch, interessanter Text, Gintoki. Solche langen Beiträge krieg ich auf Blogs, die mich interessieren sonst eigentlich nie zu lesen.
Von: [Sephix] am März 14, 2009
um 20:11
Du hast absolut Recht [Sephix]!
Die Politiker sind wie Blinde, die von der Farbe reden.
Sie haben so was noch nie gesehen, geschweige denn gespielt.
Aber es ist doch besser, schnell das Maul aufzureissen und in die gleiche Kerbe zu hauen, als dass die Presse schreibt:
“Unsere Politiker nehmen solche Dinge kommentarlos hin. Wo soll das nur enden?!”
Zu diesem Thema will ich demnächst noch einen Artikel schreiben.
Also aufgepasst!
Von: White Skull am März 20, 2009
um 17:14
Okay, das war missverständlich. Ich meinte damit eher die “neutrale” Schicht.
Okay, ich gebe zu, bei den ganzen Versionen blicke ich schon lange nicht mehr durch. ^^
Tja, in diesem Fall war man wohl vor allem dadurch geschockt, das der Täter direkt aus unserer Gesellschaft stammte. Viele scheinen ja das Bild einer heilen Gesellschaft zu haben. Man hat wohl geglaubt, alle Probleme seien ganz weit weg, fern von unserem Land.
Rational gibt es wohl keinen Grund, Vorfälle in eigenem Land über jene in anderen Ländern zu stellen.
Allerdings missfällt mir das ebenso wie dir, Sephix. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich aus einem sehr “unruhigen” Land stamme, jedenfalls teile ich die “nationalistische” und beschränkte Sicht vieler meiner Mitmenschen nicht.
Ich weiß, dass es nie realisiert wird, trotzdem wünsche ich mir ein Utopia, in dem alle Menschen dieser Welt gleichgestellt sind, in der es keine Kriege, keinen Hunger mehr gibt. Eine Welt, in der keine Konflikte wegen so – ich hoffe, es fühlt keiner dadurch beleidigt – nichtigen Gründen wie Religionen ausgetragen werden.
Jedenfalls wurde ich vor kurzem wegen des Nahostkonflikts von einem Kameraden gefragt: “Für wen bist du eigentlich? Für Israel oder für die Palästinenser?”
Meine Antwort wird immer lauten: “Weder noch. Ich bin für den Frieden.”
Vielleicht ist meine Weltanschauung vollkommen absurd und manch einer denkt jetzt “Was hat das hiermit zu tun?”, aber ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, solche Probleme auch global zu betrachten, darin stimme mit dir vollkommen überein, Sephix.
Genau meine Meinung. Fakt ist, dass endlich ein Umdenken stattfinden muss.
Die Menschen sollen angeblich die einzigen Wesen sein, die mit “Vernunft” ausgestattet sind, sie sind aber gleichzeitig auch die einzigen Wesen, die sich ohne biologischen Zwang gegenseitig ausrotten. Welch Ironie.
Von: Gintoki am März 14, 2009
um 23:25
Klopfer polarisiert, sehr bissig, trifft nicht immer den richtigen Ton. auch solche Leute muss es geben. Und man muss auch zwischen den Zeilen lesen. Er heuchelt kein Mitleid. Ein Original des Web 2.0, wenn man so will.
Irre ich mich, oder haben außer mir und der GameStar/GamePRO-Runde noch eine ganze Menge weiterer Leute Frank Plasbergs “hart aber unfair” zerrissen? Gut so.
Ein Punkt wurde nicht angesprochen, der noch interessant gewesen wäre: Die Glorifizierung von Tim Kretschmer durch die Medien, ein Selbstmörder und Amokläufer, der jetzt sogar in diesem Moment noch für Diskussionsstoff sorgt. Es ist eine Art stillschweigende Übereinkunft der Medien, über Selbstmorde so wenig wie möglich zu berichten. Wenn aber jemand vorher noch einige Leute mit in den Tod reisst, dann wird er (nach der neueren, multimedialen Bedeutung des Wortes im Internetzeitalter) unsterblich und versinkt nicht in der Bedeutungslosigkeit von Selbstmörder A und Selbstmörder B, die ohne jegliche Berichterstattung seintens der Medien den Freitod gewählt haben. Tim ist unsterlich geworden.
Er hat’s geschafft. Und ich meine das nciht im positiven Sinne. Klar ist es schlimm, dass er ein “Niemand” war, ich war selbst jahrelang einer. Eine Gesellschaft, in der jeder auf jeden die angemessene Rücksicht nimmt, ist noch sehr weit entfernt. Das Problem ist auch, dass für jede Person, die anfängt umzudenken, eine Person da sein wird, der das Ganze jetzt und in Zukunft am Arsch vorbeigeht. Die Vernünftigen und die (ich liebe dieses Wort) Kühlschrankmenschen halten sich in etwa im Glechgewicht.
Ich werde trotzdem versuchen, es besser zu machen. Das bin ich mir als Mensch schuldig. Ich rede lieber mit Menschen, anstatt sie zu ignorieren. Versuche zu helfen, anstatt zu zerstören. Damit anderen nicht dasselbe passieren muss, wie mir damals.
Ich trink jetzt noch nen Kaffee, war viel Text, der zu lesen ist. Vielleicht sage ich später noch was dazu. ^^
Von: Paladin Fenris am März 15, 2009
um 10:25
Super Text! Aber lang.. so lang.. dass ich ihn jetzt nicht auseinander pflüge.^^
Ich kann dir aber größtenteils zustimmen und meine kurze und feine Meinung habe ich ja schon in [Sephix]s Blog hinterlassen. Da auch sonst alles genannt wurde, muss ich nicht weiter ins Detail gehen.
Ich muss aber sagen, dass die Medien tatsächlich deutlich differenzierter die Angelegenheit angehen. Klar.. es gibt immer noch negativ Beispiele.
Hier bin ich insbesondere vom „Spiegel“ enttäuscht, da ich so was nur von der „Bild“ erwartet hätte:
http://3.bp.blogspot.com/_ZvU3_ddJx3g/SbvCPCIdv3I/AAAAAAAAAVA/IzjcAil5ggk/s1600-h/Amok.jpg
Allerdings gibt es immer noch genug Menschen, die alles was sie von den Medien serviert bekommen auch glauben. Ohne mal daran zu denken etwas kritisch zu hinterfragen. Wie sonst lässt es sich erklären, dass meine eigene Tante zu mir ins Zimmer kommt und fragt, ob solche „Killerspiele“ echt Schuld seien und zu solchen Taten führen würden. Da muss ich einer sonst sehr gebildeten, studierten Frau erklären, das dem nicht so ist. Das ist doch grotesk!
Von: Arkilein am März 15, 2009
um 11:03
Guter Artikel. Die Ermittlungspannen der Polizei sind wirklich peinlich. Und die Politiker schreien jetzt nach Bestrafung der Fälscher nur um ihr eigenes Versagen zu überdecken. Traurig.
Aber alleine die Tatsache, dass solche “Beweismittel” ohne weitere Prüfung sofort veröffentlichts werden mit Hoffen auf gut Glück zeigt ja, wie Mediengierig die auf solche Gelegenheiten warten.
Übrigens:
Bin ja begeistert, dass auch andere Leute als meine engsten Freunde meinen Blog lesen^^
Danke dafür.
Dein/Euer Blog gefällt mir. Wird direkt mal mit nem Link bei mir belohnt
Von: DaRuX am März 15, 2009
um 15:30
@ Paladin Fenris
Sehe ich auch so, ich habe im Artikel ja schon angesprochen, dass es in Deutschland doppelt so viele (!) Suizidtote wie Verkehrsopfer gibt. Aber scheinbar befindet es kein Politker für nötig, das Problem mal anzusprechen.
Ich stimme auch zu, dass Querdenker nicht mehr ausgeschlossen werden dürfen. Leider zieht sich das Problem schon durch die ganze Geschichte der Menschheit.
Und ja, jeder kann helfen.
@ Arkilein
Ja, Aufklärung ist auf jeden Fall der richtige Schritt, um Ignoranz und Intoleranz zu zu bekämpfen. Es müssen Dialoge zwischen den “Schichten” (schlimme Bezeichnung, ich weiß, aber leider sinnbildlich…) stattfinden.
Was die Medien angeht, so erkenne ich auch eine leicht positive (aber wirklich ganz leicht) Tendenz. Hoffen wir, dass diese sich fortsetzt und nicht wieder umschlägt.
Bezüglich “Spiegel” stelle ich schon eine ganze Zeit lang propagandistische, populistische, hetzerische und schlicht unwahre Berichte fest. Leider hat das Magazin ja scheinbar einen hohen Stellenwert…
@ DaRux
Jap, die Polizei zeichnet sich generell nicht gerade durch Engagement und Gründlichkeit aus. Auch ein Missstand der Gesellschaft, dass viele sich ihrer Verantwortung scheinbar nicht bewusst sind.
Ich werde sicher noch öfters bei dir vorbeischauen und deinen Blog bald auch mal bei uns im Blogroll aufnehmen. Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, versuche ich mich immer möglichst oft zu Wort zu melden. ^^
Allerdings habe ich momentan Probleme, auf deinen Blog zu kommen. Komisch, liegt das am Link oder am Server?
Aus unerfindlichen Gründen landen deine Kommentare auch im Spam-Bereich. Okay, wer kann mir sagen, wie ich den “Spamschutz” Askimet ausschalten kann? Der bereitet mir nur Probleme.
Von: Gintoki am März 15, 2009
um 16:33
Probier diesen Link:
http://darux.rockt.es/
DaRuX hatte damals stellenweise mal Probleme mit seinem Webspace-Provider. Unter dem Link geht’s aber auf jeden Fall.
Von: Paladin Fenris am März 15, 2009
um 17:23
Okay, funzt jetzt, Danke schön, der Link wird direkt mal eingesetzt. ^^
Von: Gintoki am März 15, 2009
um 17:37
Es hat lange gedauert und es war beschwerlich, aber ich habe mich tatsächlich durch diesen in höchstem Maße aufschlussreichen Beitrag gewühlt.
Soviel gebündelte Wahrheit (aus meiner Sicht) hab ich schon lange nicht mehr gelesen. Du setzt wirklich genau an den relevanten Stellen an – ich wünschte, ich hätte meine Gedanken zu dem Thema auch so prägnant äußern können.
Also, ich stimme dir zu 95 Prozent zu, einzige Ausnahme ist diese Sache:
“Dementsprechend ist die Auflösung der Klassenverbände zugunsten des Kurssystems in der Oberstufe, wie sie bei uns stattgefunden hat, absolut die falsche Richtung. Jeder geht nun seinen eigenen Weg. Wie sollen Verbindungen aufgebaut werden, wie sollen unscheinbare Schüler noch Beachtung finden?”
Womöglich bin ich da nur ein Einzelfall, aber ich hatte vor der Kursstufe einen recht überschaubaren Freundeskreis und war auch relativ zurückhaltend anderen gegenüber, mittlerweile habe ich aber so viele (echte) Freunde dazu gewonnen und bin zugleich wesentlich offener geworden zu den Menschen in meinen Kursen oder überhaupt – dieses Kurssystem ist in der Hinsicht zumindest für mich also ein Segen. Und irgendwann muss man die Jugendlichen ja auch in diese kalte Welt lassen und ihnen nicht die Illusion bewahren, dass sie auf ewig mit ihren Klassenkameraden, mit Menschen, die ihnen vertraut sind, zusammen sein können.
Insofern ist es also vernünftig, einen “sanften” Einstieg in die unpersönliche welt nach der Schule zu geben, indem man diese Kurse nutzt.
Das ist natürlich auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, dank unseres vermaledeiten uneinheitlichen Bildungssystems…
Wollt ich aber nochmal erwähnen.
Von: Flughirnchen am März 16, 2009
um 19:54
Da hast du schon recht, jedes System birgt natürlich auch seine Vorteile und in deinem Fall hast du so einen gut nutzen können. Ich selbst habe mich durch die neuen Aufteilungen auch überhaupt erst mit meinem Blogpartner White Skull angefreundet, von dem ihr übrigens auch bald wieder was hören werdet, sobald die Klausurphase vorbei ist.
Ich habe diese Aussage vor allem im Hinblick auf z.B. ostasiatische Schulen getätigt, wo die Klassen ja mit den neuen Schulen alle drei Jahre neu zusammengewürfelt werden. Dort werden die Schüler auch selbstständiger, haben aber gleichzeitig noch durch Klassenkameraden und Klassenlehrer feste Bezugspersonen, was bei uns leider (in einigen Bundesländern, jaja, schön uneinheitlich…) nicht der Fall ist.
Zumindest habe ich beobachtet, dass sich kein Lehrer ernsthaft für die Personen hinter den Schülerfassaden interessiert, bei maximal 3 Stunden pro Woche kann man es ihnen aber auch schlecht verübeln. Deswegen schaut keiner mehr hin und das wollte ich problematisieren.
Von: Gintoki am März 16, 2009
um 21:50
Huhu
Also grundsätzlich stimme ich dir zu Gintoki. Es gibt unzählige Missstände in unserer Gesellschaft, derer wir uns dringend bewusst werden müssen. Doch ich hab das Gefühl, dass du dich von deiner subjektiven Eindrücken etwas ZU sehr hast mitreißen lassen.
Beispiel Klopfer:
Den sollte man genauso ernst nehmen wie Stefan Raab oder die Bild – garnicht. Zumal er sich in meinen Augen mehr über die Art der Berichterstattung als über das Attentat selber lustig macht.
Ansonsten gilt: Solange sie nur reden, machen sie nichts schlimmeres. Also einfach lassen.
Eltern:
Du vergisst in deinem Beitrag zu erwähnen, wie schnell die heutige Technologie und die Trends fortschreitet. Gerade ältere Personen sind schlichtweg überfordert, wenn es um die neusten Computerspiele geht und die Kinder sind auch nich dumm: Sobald sie merken, dass ihre Eltern keine Ahnung haben, nutzen sie das auch. Um da genaue und vorallem relevante Informationen zu erhalten, muss man sich die Dinge entweder selbst antun oder eignet sich professionelle Verhörtechniken an.
Solange man selbst noch jung ist, unterschätzt man das oft, aber für Eltern ist das ein manchmal schwer zu überwindendes Hindernis und ich habe bisher noch keine Vorschläge gehört, wie man da helfen könnte.
Generelles zu deinem Beitrag:
Das Thema “Attentat in Winnenden” ist in meinen Augen eher ungeeignet, um über die Missstände der Gesellschaft zu schreiben. ZU viele Emotionen, wenige glaubwürdige Informationen (egal, was einem die Mediem erzählen, man kann es doch eh nicht glauben. Dazu lässt sich aus reißerischen Berichten noch viel zu viel Kapital schlagen) und zum Letzten ist sowas eine Ausnahmesituation.
Wenn du über die generelle Ignoranz schreiben willst, dann finde ich alltägliche Ereignisse besser geeignet. Gerade die werden nämlich wirklich ignoriert, denn der Mensch gewöhnt sich erschreckend schnell an Gewalt und Ungerechtigkeit, solange er nicht selbst davon betroffen ist; bzw. solange es ihm nicht bewusst ist.
Von: Nathaniel am März 21, 2009
um 23:10
Hallo Nathaniel,
selbstverständlich ist dieser Artikel hier subjektiv, aber ich denke, dass es genau der Funktion eines Blogs entspricht, seine Meinung kundzutun und ich habe ja auch erwähnt, dass ich meine persönliche Ansicht geschildert habe.
Natürlich ist der Artikel von Emotionen beeinflusst worden, ich beschäftige mich schon ziemlich lange mit den Missständen der Gesellschaft und bin kein Journalist, der einen Anspruch auf eine objektive Berichterstattung hat.
Was das mit Eltern angeht, so habe ich mich schon unter “Toleranz ist gegenseitig” auf diese bezogen, sorry, falls der Kontext durch diese zusammengebastelten Gedankensträngen verloren gegangen sein sollte. ^^
Und ich denke durchaus, dass “Winnenden” ein – wenn auch krasses – Beispiel für die Konsequenzen der gesellschaftlichen Ignoranz darstellt. Sicherlich habe ich mich hier fast immer auf den Amoklauf bezogen, aber ich meine, dass meine Ausführungen weitesgehend auch als allgemeine Problematisierung betrachtet werden können, was eigentlich auch meiner Intention entspricht.
Das mit einem eingeständigen Artikel über die generelle Ignoranz ist eine gute Idee, denn du hast völlig recht, dass das Thema noch viel weitläufiger ist. Auch wenn Kotatsu – gelinde gesagt – eher eine andere Thematik hat, werden wir versuchen, uns immer wieder zu aktuellen und auch politischen Ereignissen zu äußern.
Wobei ich noch erwähnen muss, dass wir von Kotatsu uns in einem Lern- und Reifungsprozess befinden und deshalb noch nicht alle Perspektiven aufzeigen können, die wir gerne würden. Im nachhinein sind mir auch noch ein paar Punkte eingefallen, die ich hier nicht erwähnt habe, aber ich glaube, das kann man mir nicht verübeln. ^^
Im großen und ganzen bin ich aber mit dem Artikel recht zufrieden, da meiner Meinung nach mein Standpunkt ziemlich deutlich wurde, vor allem unter Anbetracht der Tatsache, dass das mein erster Artikel über ein ernstes Thema war.
Aber keine Sorge, wir bleiben dran und versuchen bestimmt, ganz genau hinzuschauen.
Und noch mal danke an alle für eure Kommentare, bei der Veröffentlichung hätte ich nie gedacht, dass sich so viele meine geistlichen Ergüsse antun würden. ^^
Von: Gintoki am März 22, 2009
um 01:19
[...] und andere Fantasien Erstmal vorweg: Ich habe die Thematik rund um den Amoklauf in Winnenden ein Kollektivversagen? Wieso mit Ignoranz niemandem geholfen ist schon ausführlich behandelt und habe nicht vor, wie die medialen Aasgeier von diesem Amoklauf zu [...]
Von: Amokgeisel: “Ich legte meine Hand auf seinen Oberschenkel” und andere Fantasien « Kotatsu am März 27, 2009
um 02:59
[...] ich nicht unbedingt viel von unserer Polizei halte, dürfte bereits im Artikel zum Winnenden-Amoklauf zum Ausdruck gekommen sein. Dort bezeichnete ich die Selbstbeweihräucherung der Polizei schon als [...]
Von: “Phantommörderin” hat nie existiert - Polizei jagte imaginären Feind « Kotatsu am März 30, 2009
um 00:19
[...] Gesellschaftliche Probleme gibt es ja ohnehin nicht. Schon traurig, wenn der zusammengeschusterte Artikel eines Blogger-Neulings anscheinend mehr Substanz enthält als alle Hirne der besagten Personen [...]
Von: Ein Artikel zur Lage der Nation « Kotatsu am Juni 2, 2009
um 00:11